Lost im Place [2017|31]

Diese Woche gibt’s ein Selfie. So etwas mache ich recht selten, aber wenn man allein mit dem Fahrrad unterwegs ist, geht es oft nicht anders. Ja, ein kleines Stativ hätte ich dabei, auch eine Fernsteuerungsapp, aber ein Selbstportrait ist ja nicht das Ziel des Ausflugs.

Selfie am Lost Place.

Selfie am Lost Place.

Im Gegenteil: Weil ein als Abkürzung erhoffter Feldweg buchstäblich in die Botanik führt, stoße ich unvermittelt auf einen lost place.

Wenn ein Feldweg in einer Wiese endet, ist die Frage zurück oder querfeldein? Da bei meiner Radtour der Weg das Ziel ist, geht es weiter. Mit gewisser Sorge registriere ich allerdings, daß sich rechts die Aue breit macht und vor mir die A2 zum unüberwindbaren Hindernis zu werden droht. Und plötzlich stehe ich vor einer Brücke/Unterführung — es kann also weitergehen. Die Anlage ist großzügig gebaut und mindestens dreimal so breit wie das Flüßchen, das Hochwasser der vergangenen Woche zum Glück schon abgeflossen, wenn auch der Boden noch ziemlich schlickig ist. Und dennoch: Die Stützmauer als auch die Pfeiler sind komplett mit Graffiti verziert. Es wundert mich schon, wer sich die Mühe macht, extra hierher zu kommen — aber vielleicht macht auch gerade dies den Reiz aus.

Für mich der Anlaß zur Kamera zu greifen. Die Hohlkästen (ist das eigentlich ein Pleonasmus?) der Brückenkonstruktion laden zur Zentralperspektive ein und obwohl kein Seefahrer, erinnern mich die “Farbkleckse” im Hintergrund an die Signale Backbord und Steuerbord und setzen farbliche Akzente. Kamera auf 12 mm (24 mm KB), intelligente Automatik, Armlänge, klick — ich bin überrascht, wie gut das klappt, leicht unscharfer Hintergrund und sogar ein Spitzlicht auf dem rechten Auge. Die GM1 hat kein Schwenkdisplay zur Kontrolle während der Aufnahme. Auch verkneife es mir generell, vor Ort die Bilder zu checken, das macht am großen Bildschirm im Office sowieso viel mehr Spaß.

Den Hintergrund — der in den meisten Situationen schwarz erscheinen würde — habe ich nicht mit einer Batterie von Blitzgeräten aufgehellt, sondern ist der Location geschuldet: wegen des ziemlich breiten Gewässers gibt es dort einerseits keinen abschattenden Bewuchs, anderseits reflektiert die Wasseroberfläche noch Licht in die Szene. Die Aufnahmewerte bleiben mit ISO 1.000 bei 1/125 s und Blende 3,5 moderat.

Für die etwas schrägen Farben spiele ich nicht an HSL/Farbe oder Teiltonung herum, es reichen dazu Klarheit (+90) und Dynamik (+40) vollkommen aus — das auch als Warnung, wenn ein solcher Effekt nicht beabsichtigt ist. Für die Bartstoppeln erhöhe ich über Details maskiert die Schärfe und bei der Gelegenheit verwende ich die Rauschreduzierung für Luminanz. Die sehr helle rechte Wange ist übrigens ein schönes Anwendungsbeispiel für die Funktion Fluß im Korrekturpinsel [K] von Lightroom: ich stelle einen relativ geringen Wert von 20 mit einer weichen Kante von 20 ein und trage die Belichtungskorrektur (hauptsächlich Lichter) schichtweise auf. Abschließend gibt’s (m)eine Vignette via Effekte.

Das Schöne an Lightroom: Wenn mir diese Bearbeitung nicht mehr gefällt, kann ich problemlos auf das Original oder beliebige Zwischenschritte zugreifen, ohne daß ich das vorher irgendwie berücksichtigen müßte.

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