Contiwerk Limmer [2013|21]

Der Unterschied zwischen knipsen und fotografieren liegt zum großen Teil in der bewußten Wahrnehmung (so ähnlich wie bei bunt und farbig). So möchte ich mit der Sparte Straßenfotografie (street photo) gern den gewöhnlichen Alltag bewußt im Bild festhalten. Dazu gehört auch der “Abbau” oder schlicht Zerfall von Gebäuden oder ganzen Stadtteilen, unter Fotografen auch “lost places” genannt.

Continental Limmer

Continental Limmer

In der Region Hannover gehört dazu eine von vielen Produktionsstätten der Continental AG, ein Unternehmen, das neben Reifen auch eine Menge anderer Dinge herstellt. Trotz Expansion wird im Jahr 2000 das Werk Limmer nach rund 70 Jahren geschlossen (ehemals Hannoversche Gummiwerke Excelsior, seit 1862). Doch nicht alle Teile werden abgerissen, weil ein Bauunternehmen dort als “Wasserstadt Limmer” schicke Lofts und eine Wohnsiedlung errichten möchte (ähnlich ergeht es Villa Nordstern).

Doch noch ist es nicht soweit, das ganze Areal ist frei zugänglich und nach dem Vandalismus der ersten Jahre inzwischen nahezu besenrein (es gibt leider weder Maschinen noch irgendeine andere Ausstattung). Dort finde ich eine Etage mit einem “Säulengang”, der mich durch die Geometrie und die Leere anspricht. Die “Verzierungen” setzen einen farblichen Akzent. Da die Sonne nicht scheint, ist das Licht an diesem Tag diffus, man kann leider nicht mit Licht und Schatten spielen. Zunächst mache ich eine HDR-Belichtungsreihe. Um die Kamera ausrichten und die langen Belichtungszeiten nutzen zu können, kommt natürlich ein Stativ zum Einsatz, 30 Jahre alt und mit einfachem Gewinde noch immer brauchbar (bin gespannt, wann die Hersteller dort mit eigenen Systemen einen neuen Markt erschließen).

Normalerweise vermeidet man es, doch zur Belebung der Szene sollte jemand durchs Bild laufen. Ich bin zwar mit einem Fotokollegen unterwegs, doch auf die Schnelle erledige ich das selbst: Das geht super mit dem Yongnuo Fernauslöser für entfesseltes Blitzen, den man auch zum Fernauslöser für die Kamera umstecken kann. Da er mit Funk arbeitet (nicht Infrarot), kann ich den Gang entlang gehen und ganz bequem mehrmals auslösen ohne irgendwelche Verrenkungen machen zu müssen (Autofokus ist dabei ausgestellt). Wichtig ist dabei, daß die Bewegung durch verwischte Konturen zum Ausdruck kommt, durch die dunkle Kleidung hebt sich die Person gut vom Weiß/Hellgrau der Umgebung ab. Die Belichtungszeit liegt bei einer Sekunde mit Blende 8 (ISO 100/21 DIN), für die Tiefe wähle ich ein Weitwinkel mit 17 mm (entspr. etwa 28 mm KB).

In der Nachbearbeitung mit Lightroom korrigiere ich wie immer etwas Belichtung und Kontrast, damit die Farben klarer rüberkommen. Schwieriger sind die Verzerrungen, die sich durch den Einsatz des relativ starken Weitwinkels ergeben, da zählen ja die physischen 17 mm, die mich wieder an die Vorteile von Vollformat erinnern. Die anstehende Version 5 von Lightroom soll diesbezüglich mit einer Vollautomatik solche Korrekturen erleichtern.

[Update]

Seit bald 20 Jahren soll auf dem “ehemaligen” Fabrikgelände der Continental ein schickes Wohngebiet entstehen — doch es geht kaum voran. Warum? Einerseits fallen nun plötzlich Schadstoffbelastungen auf (Nitrosamine aus 70 Jahren Produktion), andererseits seien die Gebäude inzwischen so weit verfallen, daß man sie nicht mehr nutzen könne… Jetzt berichtet die örtliche Presse (6.12.2017, Neue Presse): “Wasserstadt: Historische Gebäude vor dem Abriss“. Eine endlose Geschichte? “Wasserstadt-Investor geht auf Konfrontationskurs mit der Stadt Hannover” (22.11.2018, HAZ), weil die Gebäude verwahrlost seien.

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